Wie kommt es zu negativen Rohölpreisen?

Wie kommt es zu negativen Rohölpreisen?

April 2020, die Welt befindet sich mitten in der Corona-Pandemie, viele starten aus dem verlängerten Osterwochenende in die neue Woche. Es ist ein geschichtsträchtiger Tag, denn erstmals rutscht der WTI-Preis in den negativen Bereich. Welche Dynamiken stecken dahinter? Ein Überblick.

Negative Preise – nur auf dem Papier?

Es handelt sich um einen „Long Squeeze“, nicht um eine Krise, analysiert das Wirtschaftsmagazin Forbes kurz nach der aufreibenden Talfahrt des WTI-Preises. In der Tat betrifft der spektakuläre Preissturz erst einmal nicht das physische Öl, sondern das an den Börsen gehandelte Rohöl.

In der Regel sollte sich der Terminkurs des gehandelten Frontmonats eng am Kassapreis orientieren. Doch aufgrund der durch die Corona-Pandemie eingebrochenen Nachfrage und den außerordentlich knappen Lagerkapazitäten für bereits gefördertes Rohöl, lag der Terminkurs deutlich höher als der Kassakurs. Zeitgleich lief an diesem Tag im April die Frist für Öllieferungen im Mai ab. Nur bei sinkenden Preisen waren die Marktteilnehmer bereit, zu kaufen.

Die New Yorker Börse - auch ein Schauplatz des Ölhandels

Diejenigen, mit einer sogenannten „Long Squeeze“-Position, fanden keine Abnehmer mehr und mussten in den fallenden Markt hinein verkaufen. Der Punkt, an dem sich das Rohöl auf dem Papier in physisches Öl verwandelt, ist kritisch. Die Händler sind nach Fristende nämlich verpflichtet, das auf dem Papier gebuchte Öl auch tatsächlich abzunehmen. Viele wollten das Rohöl jedoch nicht physisch in die Zentrallager in Cushing geliefert bekommen – nicht zuletzt deshalb, da die Lager bereits prall gefüllt waren und nicht feststand, ob es Ende Mai überhaupt noch freie Kapazitäten geben würde. Daraus entwickelte sich dann eine Abwärtsspirale, die durch weitere Verkäufe immer mehr an Fahrt aufnahm und den Preis für die US-amerikanische Rohölsorte WTI schließlich ins Minus schickte.

Das heißt im Klartext, dass Ölhändler die Abnehmer an der New Yorker Rohstoffbörse dafür bezahlen mussten, um das über den Terminkurs georderte Rohöl loszuwerden. Diese Situation gab es in der Geschichte des Ölhandels noch nie – wohl aber in anderen Bereichen der Energieindustrie.

So bizarr diese Situation auch ist – sie reflektiert erst einmal nicht die tatsächliche Situation am physischen Markt. Es ist allenfalls eine Krise auf dem Papier, nicht in der tatsächlichen Welt, schreibt Forbes an jenem Tag.
 

Spürbare Schockwellen über die Ölmärkte hinaus

Richtig ist, dass sich die negativen Preise zuerst auf den Ölhandel auswirkten. Doch die Börsen sind nicht von der „realen“ Situation entkoppelt. Der WTI-Preis brach an diesem Tag um mehr als 58 US-Dollar ein – ein Verfall von über 320 Prozent. Das ist eine Zäsur. Wer an diesem Tag Rohöl der Sorte WTI kaufte, bekam zusätzlich zum Produkt noch 40 US-Dollar pro Fass geschenkt. Diese Marktsituation schreckte nicht nur die Händler an den Börsen auf. Getrieben vom Nachfrageeinbruch durch die Corona-Pandemie und den volllaufenden Lagern, beschlossen die OPEC+ Mitglieder Rekordkürzungen. Die gewünschten Preiseffekte verpufften jedoch, da die Kürzungen nicht ausreichen, um das Überangebot zu kompensieren.

Die ölproduzierenden Länder verstrickten sich zudem in einem Preisstreit, da die globale Ölproduktion trotz eingebrochener Nachfrage auf einem Rekordhoch lag. Der Konkurrenzkampf um Marktanteile wurde durch die ruinöse Preispolitik einiger Akteure befeuert, die Wettbewerber aus dem Markt drängen sollte.

Stillstand. Viele Förderungsstätten wurden während der Corona-Pandemie abgeschaltet.

Dass es um ganz reale Probleme geht, zeigt auch die Tatsache, dass die Produktion nicht in allen Ölfeldern drastisch zurückgefahren werden kann. Bei älteren Ölfeldern ist es besonders schwierig den Ölfluss zu stabilisieren und es besteht die Gefahr, dass die Förderung nicht wieder aufgenommen werden kann, da der Förderdruck zu stark fällt. Die Sorge, dass die Ölindustrie von einer Insolvenzwelle heimgesucht wird, ist angesichts der Corona-Pandemie nicht abwegig. Entscheidend ist, wie stark die Produktion gedrosselt werden kann und ob die Marktteilnehmer das Volllaufen der Lager verhindern können. Selbst den US-amerikanischen Schieferölproduzenten, die ihre Produktion flexibler anpassen können, droht angesichts der hohen Kreditlast und der teuren Fördertechnologie eine rasche Insolvenz. Hinzu kommt, dass auch das hier geförderte Rohöl gelagert werden muss, solange die Ölnachfrage auf einem Langzeittief verharrt. In dieser Woche hatten wir berichtet, dass die Schieferölproduzenten in den USA bereits jetzt die Produktion wieder hochfahren – wohl auch gezwungenermaßen, um ihre Liquidität zu sichern. Sie setzen derzeit auf eine steigende Nachfrage, eingeleitet durch die Lockerungen der Ausgangsbeschränkungen in wirtschaftsstarken Ländern sowie durch das Ankurbeln der Weltwirtschaft.
 

Werden Benzin und Heizöl jetzt billig?

Anders als der WTI-Preis behielt der Preis der europäischen Ölsorte Brent einen Sicherheitsabstand zur Nullmarke. Das liegt unter anderem daran, dass es rein geografisch betrachtet keine so drängenden Lagerprobleme gibt. Über Pipelines kann das Rohöl schnell in andere Länder Europas verteilt werden und zusätzlich lässt es sich leichter auf Tankern lagern, da es in der Nordsee gefördert wird. Hinzu kommt, dass Brent in zahlreichen Ländern verarbeitet werden kann, sodass der Abnehmerkreis größer ist, als bei der amerikanischen Rohölsorte. Letztere hat erst einmal wenig mit den inländischen Preisen für Benzin oder Heizöl zu tun. Der Preis für Brent wäre hier die wichtigere Orientierungsmarke. Tatsächlich freuen sich Endverbraucherinnen und Endverbraucher zurzeit über vergleichsweise günstige Preise.

Doch einen Einbruch oder gar Negativpreise wird es wohl beim Benzin nicht geben – denn rund 60 Prozent des Preises fallen auf Steuern und Abgaben, unabhängig davon, wieviel Rohöl kostet. Eine ähnliche Situation ergibt sich beim Heizöl.

Private Anleger, die jetzt auf Rohöl setzen wollen, sollten äußerst umsichtig sein. Denn der Terminmarkt befindet sich in der „Contango-Position“, die Marktstruktur arbeitet also gegen sie. Länger laufende Kontrakte werden aktuell deutlich höher gehandelt, als nächstfällige Kontrakte. Wer jetzt auf die Ölpreisentwicklung wettet, muss mit Rollverlusten rechnen, wenn der Kassapreis nicht in der gleichen Zeit stärker steigt, als der Terminkurs für die jeweilige Periode.

Tagesaktuelle Informationen zur Heizölpreisentwicklung erhalten Sie in unseren Heizöl-News.

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